Vladimir Martynov
"Das Ende der Zeit der Komponisten"

Vorabdruck von 2 Kapiteln aus dem Buch
Vorwort von Peter Schulze (Radio Bremen)

Als mir Tatiana Grindenko im November 2000 von Martynovs Buch "Das Ende der Komponistenzeit" erzählte barst ich vor Neugier. Aus zwei Gründen: erstens, weil ich die wenigen Bemerkungen von Martynov, die ich kannte, zur Frage der Stellung des Komponisten bereits spannend fand. Zweitens, weil mich selbst diese Frage unter ganz anderem Blickwinkel beschäftigte: Inwieweit ist das auf der Vorstellung des nur aus sich selbst schöpfenden, quasi voraussetzungslosen Genies basierende Urheberrecht (als individuelle Aneignung gesellschaftlichen geistigen Eigentums) des 19. und 20. Jahrhundert im 21. Jahrhundert noch zeitgemäß?

Fragwürdig war dies längst, denn, wie jeder weiß, waren und sind es nicht unbedingt die Genies, die daran am meisten partizipieren. Qualität der Komposition war der Quantität der Verbreitung gegenüber stets zweitrangig. Seine Logik hatte der Kampf ums Urheberrecht aber durchaus, denn wenn Komponisten nicht mehr bei Hofe oder der Kirche als Musikmeister angestellt waren, sondern sich als freie Individuen auf den Markt begaben, war es nicht mehr als recht und billig, daß sie, wenn schon ihre Verleger mit ihren Kompositionen Geld verdienten, sie daran beteiligt werden. Bis ins 19. Jahrhundert hinein hatten sich Komponisten nie als individuelle Urheber begriffen. Werden sie es im 21. Jahrhundert noch tun können?

Der Urheberschutz für kleinste Soundsamples, mit denen Millionen verdient werden, führt die Idee des ganzheitlichen Werkes eines Komponisten ad absurdum. Die technische Reproduzierbarkeit von Musik, die stets Grundlage und Maßstab für Vergütung von Urheberrechten war, wird ihrerseits von individualisierten Tauschbörsen wie Napster im Internet ad absurdum geführt. Das Ende der Komponistenzeit?

Vladimir Martynov, dessen Night In Galicia bei der pro musica antiqua uraufgeführt wird, legt in seinem Buch "Das Ende der Zeit der Komponisten" in einem großen historischen Bogen seine diesbezüglichen Thesen dar. Es ist ein Text über die geistige Historizität gegenwärtiger musikalischer Haltungen, wichtig für die Betrachtung von Alter wie Neuer Musik. Das Buch wird im Sommer 2001 erstmals in Rußland erscheinen. Wir sind glücklich und dankbar, Ihnen anläßlich der antiqua als erste westliche Vorausveröffentlichung zwei Kapitel daraus an die Hand geben zu können.. Sie passen perfekt zur Idee der antiqua und werden hoffentlich für nachdenklichen Diskussionsstoff sorgen.

Peter Schulze, Radio Bremen

 

CD Beispiel
Ensemble Opus Posth., Tatiana Grindenko, Ensemble D. Pokrovsky - Night In Galicia, Come in

 

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