Haiti
Menschen, Voodoo und Musik

Ein Besuch von Uli Langenbrink in einem der ärmsten Länder der Erde

Die Weltmusikszene hat Haiti entdeckt und präsentiert Musik aus einem Land, das gleich mehrere traurige Rekorde hält: Haiti ist eines der ärmsten Länder der Welt, mit einer der höchsten Quote an Analphabeten (mindestens die Hälfte der Bevölkerung kann nicht lesen und schreiben ) und einer astronomisch hohen Kindersterblichkeit.

Seit seiner Unabhängigkeit von Frankreich im Jahr 1804 erlebte das Land ein Karusell von blutigen Diktaturen, militärischen Interventionen und niedergeknüppelten Aufständen. In diesem Jahrhundert saugten gleich zwei Diktatoren Haiti aus: erst "Papa Doc" Duvalier, anschließend sein Sohn "Baby Doc" - diese Terrorära dauerte über dreißig Jahre.

Das kleine Land - Haiti ist nur etwa 12.000 Quadratkilometer groß - läßt heute vor allem an Boat-People, Armut, Diktaturen und Ausweglosigkeit denken. Hinzu kommen die Auswirkungen des Embargos, das die USA 22 Monate lang über Haiti verhängten, um den ersten demokratisch gewählten und prompt von Militärs gestürzten Präsidenten des Landes, Père Aristide, wieder ins Land zurückzubringen.

Regiert wird Haiti jetzt von einer Übergangsregierung, die kürzlich ihre Regierungsunfähigkeit selbst erklärt hat. Dabei spielte Haiti in der Geschichte einmal eine ganz andere Rolle: es war nach den Vereinigten Staaten von Amerika der zweite unabhängige Staat in der "Neuen Welt", und noch dazu der erste schwarze unabhängige Staat.


An diesem feuchtheißen Sommernachmittag in Dajabon warten nur wenige Autos vor dem burgartigen Tor, das die Dominikanische Republik von Haiti trennt. Im Blick des Uniformierten liegt die stumme Frage, was wir wohl bei den ungeliebten Nachbarn auf der anderen Seite der Grenze zu suchen haben, dann stempelt er unsere Papiere und winkt uns durch, ins Niemandsland auf die Brücke. Sie führt über einen fast vollständig ausgetrockneten Fluß mit dem wenig einladenden Namen "Massacre" - der Massakerfluß erinnert an die vielen historischen Kriege und Scharmützel zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik und an das Massaker, das der dominikanische Diktator Trujillo hier an Haitianern veranstaltete.

Unser Minibus wird umringt von einer Schar haitianischer Straßenhändler. Wir sind potentielle Käufer für Rum, Zigaretten, Sonnenbrillen, Strohhüte und zusammengewürfelte Kleidungsstücke, von denen die meisten aus Beständen des Roten Kreuzes stammen.

Kaum haben wir die Brücke überquert, bleibt kein Zweifel mehr daran, daß wir tatsächlich in einem anderen Land sind: die Straße ist nicht mehr asphaltiert, die Busse, Jeeps und Mofas ziehen Staubwolken hinter sich her, als wollten sie die ausgedörrte Landschaft einnebeln. Auch auf der dominikanischen Seite der Grenze liegt ein Trockengebiet, das jedoch mit Bewässerungssystemen notdürftig bebaubar gemacht wurde. In Haiti dagegen, so werden wir auf der Reise noch öfter feststellen, gibt es kaum künstliche Bewässerung. Ein Trockengebiet ist und bleibt ein Trockengebiet, auf dem außer Büschen und Kakteen nichts wächst.

Ein bis auf den letzten Millimeter bunt bemalter Bus überholt uns mit einem halsbrecherischen Manöver auf der Sandpiste. Der auf dem Dach verschnürte Gepäckberg schwankt bedenklich, die Dachpassagiere krallen sich an rutschenden Strohkoffern fest und scheinen auf den Schutz des "Bondye" (Bondieu) zu vertrauen - der Name des von den Franzosen hinterlassenen "Guten Gottes" prunkt vorn und hinten auf dem "Tap-Tap", wie diese Busse lautmalerisch genannt werden. Wenn jemand aus- oder absteigen möchte, schlägt er mit der flachen Hand auf das Dach oder gegen die Seitenwand des Fahrzeugs. Der "Gute Gott" kämpft auf der Piste mit dem "Allmächtigen Gott", wird vom "Ich kann mehr als Du" überholt und liefert sich ein staubtrunkenes Rennen mit dem "Afrikanischen Engel"...

Die am Straßenrand hockenden Frauen heben nicht einmal den Blick angesichts dieser himmlischen Potenzshows. Sie scheinen nur zu hoffen, etwas von ihrem Häuflein Mangos oder Holzkohle verkaufen zu können, denn davon leben die meisten Familien hier. Die Chancen stehen jedoch schlecht, denn alle verkaufen dasselbe Produkt und Käufer sind in dieser Gegend ohnehin rar.

In einem der namenlosen Dörfchen halten wir an und besuchen eine Familie, die in einer Hütte hinter einer Kaktushecke lebt. Die Hütte steht auf dem nackten Boden, sie ist bis auf etwas Stroh zum Schlafen vollkommen leer. Kein Wasser, keine Pflanzen, keine Küchengeräte.

"Wir Haitianer leben hier ohne Arbeit," sagt mir Ti Jean, der Hausherr. "Es gibt einfach keine Arbeit. Wir sind zwar Haitianer, aber wir leben wie die Hunde. Die Regierung tut überhaupt nichts, um uns zu helfen. Und wenn es keine Arbeit gibt, haben wir auch nichts zu essen." Und "nichts" bedeutet in Haiti tatsächlich "nichts". Nicht einmal Mangos wachsen hier, von Reis oder Süßkartoffeln gar nicht zu reden; Kochbananen sind ein Traum, und Fleisch, womöglich Fleisch vom schwarzen kreolischen Schwein - undenkbar. Diktator Baby Doc hatte - mit Unterstützung des us-amerikanischen Landwirtschaftsverbandes - die traditionellen kreolischen Schweine ausrotten lassen, und in den Turbulenzen der letzten Jahre hatte man schlicht vergessen, sie wieder einzuführen. "Wir sind hier völlig allein unter der Sonne. Nur der Staub begleitet uns," sagt mir Ti Jean beim Abschied. Klarsichtige Hoffnungslosigkeit. Er winkt und lächelt.

Ein Teufelskreis, aus dem sich viele befreien wolle, indem sie ihre vertrockneten Dörfer verlassen und in die Stadt ziehen. Die nächste Stadt ist Cap Haitien, ehemals (wann mag das gewesen sein?) als das "Paris der Karibik" besungen. Spätestens seit dem US-Embargo gegen Haiti platzt Cap Haitien aus den Nähten. Zehntausende Menschen sind hierher geflohen und leben nun rund um die Flußmündung in riesigen, stinkenden Slums. Ihre Hoffnungen, in Cap Haitien Arbeit zu finden und sich eine Existenz aufbauen zu können, haben sich für die meisten zerschlagen. Die Slums wachsen unaufhaltsam weiter; offiziell hat Cap Haitien rund 70.000 Einwohner, doch die wirkliche Zahl wird man kaum feststellen können.

Tagsüber ist Cap Haitien ein gigantischer Straßenmarkt, über dem eine akustische Käseglocke hängt: alle zwei Meter brüllen schlecht kopierte Musikkassetten aus gnadenlos übersteuerten Gettoblustern. Natürlich werden sie verkauft, nur ein paar Gourdes. Flirrende Synthezizerklänge, Hupen, automatische drums (aber synkopiert), kreolische Wortfetzen, durch Megaphone gebrüllte Anweisungen der Verkehrspolizisten, Trillerpfeifen, ein melodisches Gitarrenriff, das einem im Kopf hängen bleibt.. Unzählige Verkaufstände mit Obst, Gemüse und Fleisch, dazwischen Abfallberge, die unvermeidliche Holzkohle, Fahrradsattel, Autoreifen, Möbel, Hüte, Kosmetika, Ketten und Klamotten. Erst auf den zweiten Blick wird mir klar, daß wohl die meisten Familien, die dort alles nur denkbare verkaufen, unter und hinter ihren zusammengezimmerten Verkaufsständen leben. Ohne Kanalisation und ohne Wasser.

Wir fahren weiter durch verstepptes Land, im Hintergrund kahle Berge. Aus dem Tapedeck im Bus dröhnt "Kiliboi", Coupé Cloués Song über den legendären Urwald, der früher einmal fast die gesamte Insel bedeckt hatte: "Ich kam zum Granba, dem großen Wald, um etwas Holz zu schlagen. Ich bin einer armer Mann. Wage es nicht, mich zu vergewaltigen./Du solltest das hölzerne Kreuz schütteln, um den Geist in Schach zu halten - das ist der Damballah-Geist. / Ich sage, alter Mann, ich bin ein ehrlicher Mann, und ich bin arm. Also tu mir nichts."

Es fällt schwer, sich vorzustellen, daß Kolumbus hier 1492 landete und von der sagenhaften Fruchtbarkeit des eben entdeckten Landes schwärmte. Doch sobald auch nur ein winziger Bach oder ein noch nicht vollends ausgetrockneter Fluß auftaucht, ändert sich schlagartig die Szenerie: Bananenstauden ersetzen die Kakteen, Flamboyant-Bäume zaubern bunte Blütenträume, Mangobäume und Yukka, Süßkartoffeln und Zuckerrohr bieten eine minimale Lebensgrundlage.

Winzige Oasen, deren saftiges Grün um so heftiger die schmutziggelbe Steppe ringsum kontrastiert, auf der skelettartige, halb bewußtlose Kühe auf die Geier warten. Die Bodenerosion ist bereits weit fortgeschritten und nur noch durch umfassende und astronomisch teure Aufforstungsprogramme und Bewässerungssysteme aufzuhalten, und dafür fehlt dem Land das Geld. Ein Ergebnis dieser Versteppung ist die Trockenheit - es regnet in dieser Zone höchstens einmal pro Jahr, ein anderes ist die daraus folgende ausweglose Armut, die wiederum auch die letzten Ressourcen auffrißt: Die meisten Menschen hier können die Preise für die Gasflaschen nicht bezahlen und sind darauf angewiesen, mit Holzkohle zu kochen, was den Kahlschlag nur noch schneller vorantreibt.

Im momentan einzigen "europäischen" Hotel gibt es kostbares Wasser und einen Blick über die Bucht, den man "herrlich" nennen könnte, wenn die Stadt nicht so wäre, wie sie ist. Die Nacht bricht herein und mit ihr die Moskitos.

Und plötzlich zerreißt ein synkopierter E-Bass die Stille, gefolgt von einem Gitarren-Arpeggio, das auf einem triumphierenden Rhythmusteppich tanzt. Irgendwo da unten in der Dunkelheit, wahrscheinlich am Hafen, gibt es ein Live-Konzert, und die Jungs scheinen hochhaushohe Lautsprecher aufgebaut zu haben, denn man versteht jedes gesungene Wort. Da muß ich hin

Um es kurz zu machen: freundliche Hotelangestellte halten mich auf und reden beschwörend auf mich ein, nur nicht um diese Zeit das Hotel zu verlassen, und schon gar nicht dürfe ich zu diesem Konzert, und dann ohne body-guards, viel zu gefährlich, Sie verstehen, Mademoiselle, nachts ist Cap Haitien ein tiefdunkles Labyrinth, Sie als Europäerin, dort wird viel getrunken und die Leute sind aufgeladen, spielen Sie nicht mit Ihrem Leben, hören Sie die Musik lieber von der Terasse aus. Ich habe nie erfahren, ob die Warnungen berechtigt oder übertrieben waren, denn ich blieb im Hotel. Gut möglich, daß sich die geballte Hoffnungslosigkeit gegen Europäer richtet, und sehr wahrscheinlich, daß die Musik ein Ritual ist, bei dem unerwünschte Zuschauer Aggressionen auf sich ziehen.

Nur einen Steinwurf von Cap Haitien entfernt liegt der Strandort Labadee. Amerikanische Kreuzfahrtschiffe legen in der idyllischen Bucht mit dem weißen Sandstrand an, die Drinkswerden am Strand serviert, eine haitianische Tanzgruppe in bunten Gewändern trommelt für die amüsierten Touristen, die großzügig Trinkgeld verteilen. Hinein und hinaus gelangt man durch ein großes, steinernes Tor mit einem Wachmann. Das Kontrastprogramm à la haitienne geht aber noch weiter. Wir wollen zu einem der Monumente des schwarzen Selbstbewußtseins und fahren in die Berge, zum Nationalpark "La Ferrière". Vorbei an etwas wohlhabenderen Dörfchen, unzähligen Lotteriebuden ("Banque" genannt) und sehr vielen Schulen, in die bunt uniformierte Kinder strömen. Herzstück des Nationalparks ist die Zitadelle "La Ferrière", die wie ein monumentales Vogelnest oder ein gestrandeter Schiffsbug zwischen Nebelschwaden auf einer Berspitze thront.

Schwarzes Selbstbewußtsein und Vodou:

"La Ferrière" ist eines der gewaltigsten Festungsbauwerke nicht nur in der Karibik und zeugt von Genialität und Wahnsinn des selbsternannten schwarzen König Henri Christophe. Der ehemalige Sklave war zunächst General der französischen Truppen geworden und schließlich Held der Kriege gegen Frankreich. Doch der geniale Stratege und Politiker verfiel schließlich einem delirierenden Machtrausch; aus Angst, Napoelon könnte Haiti zurückerobern, ließ er die 45 m hohe Zitadelle bauen, um die sich unzählige Legenden ranken. Eine davon ist, daß beim Bau der Festung das Blut der hingerichteten politischen Gegner Henri Christophes dem Mörtel beigemischt wurde. Fest steht, daß 200.000 Arbeiter die Festung in Rekordzeit bauten, und daß rund 20.000 von ihnen den Bau mit ihrem Leben bezahlten. Mitten in der Festung liegt Henri Christophe unter einem gigantischen Felsbrocken begraben - seine Zeitgenossen wollten sicher gehen, daß der schwarze König nicht etwa als Zombie in die Welt der Lebenden zurückkehrte. Denn Vodou war in Haiti von Anfang an mit scharzem Selbstbewußtsein verknüpft.

1791 hatten auch die Sklaven in Haiti begriffen, was "liberté, égalité, fraternité" bedeutet, und ihre Revolte ließ sich nicht mehr aufhalten. Dreizehn Jahre dauerte der Krieg gegen die weißen Herren, der in einer stürmischen Nacht an einem Ort, der "Bois Caiman" hieß, also Wald des Kaimans, mit einem Schwur begonnen hatte. Tausende Plantagensklaven hatten sich dort versammelt, und ihre Anführer hießen Toussaint Louverture, Makandal (er war ein ehemaliger Sklave aus den USA) und Boukman, ein Vodou-Priester. Der Schwur, die Unabhängigkeit ihres Landes Haiti auszurufen, war verbunden mit der ersten Vodou-Zeremonien, die diesen Namen trug. Denn die drei Anführer hatten im Bois Caiman für die Vermischung verschiedener afrikanischer Religionen mit dem katholischen Glauben der Kolonialherren diesen Namen gefunden: Vodou, ein Wort aus der Fon-Sprache; es bedeutet "Geist".

Plötzlich zogen die aus Westafrika angereisten Gottheiten der Ketu, der Allada, der Mahi, Ibo und Kongo mit französisch-katholischen Heiligen an einem Strang: gegen die Weißen, gegen die Franzosen, für ein schwarzes, unabhängiges Haiti. Vodou vereinte Götter und kämpfende Sklaven, Vodou gab ihnen das Gefühl von Einheit und spiritueller Überlegenheit. 1804 hatten sie es geschafft: Haiti wurde ein von Frankreich unabhängiger schwarzer Staat, und der Schwarze Henri Christophe krönte sich selbst zum ersten Monarchen der Neuen Welt. Doch die weiße Unterjochung seines Volkes löste Henri Christophe durch einen ebenso blutigen schwarzen Despotismus ab, der ihn, wie seine weißen Vorgänger, schließlich vernichtete.

Weiter geht die Fahrt Richtung Süden. Schotterpisten führen an die Küste, durch die kleine Hafenstadt Gonaives, wo der ehemalige Sklave Jean-Jacques Dessalines am 1. Januar 1804 den ersten freien schwarzen Staat der Welt ausrief. Irgendwo zwischen den kahlen Bergen, zwischen denen die unbarmherzige Hitze über den Kakteen flimmert, hören wir Trommeln und Gesang. Eine Vodou-Zeremonie ist im Gange, in einer Hütte, über der die Fahne des Priesters weht, des houngan. Wir dürfen kurz eintreten. Der houngan ist gerade dabei, zwei Frauen zu heilen - einer hat sich ein Stein ins Fußbett gegraben und ist jetzt bis zum Knie hochgerutscht, wo er ihr große Schmerzen verursacht. Beide Frauen stehen zwischen brennenden Kerzen, kleinen Schalen, in denen Kräuter verbrannt werden, umringt von den Helfern des houngan. Er selbst beschwört die Vodou-Götter mit seinem Gesang, nimmt zwischendurch immer wieder einen Schluck Rum in den Mund und prustet ihn in Richtung der beiden Frauen wieder aus. Die gekalkten Wänden der Hütte und der gestampfte Lehmfußboden sind mit magischen Zeichnungen übersät; Heiligenbildchen und bunten Girlanden, die auf französisch "Fröhliche Weihnachten" wünschen, hängen von der Decke - niemanden stört es, dass es längst Sommer ist.

Der Volksglaube Vodou geisterte jahrzehntelang in Form von mysteriösen Zombies durch die Hollywoodfilme und wurde von den internationalen Medien zu einem Klischee verbraten, das in der Lage ist, jede darunter subsummierte Kultur endgültig zu verreißen. Seht her, ein Volk von wild trommelnden Schwarzen, abergläubisch, ignorant, mysteriös und aggressiv. Genau das Gegenteil der (ebenso klischeehaften) "edlen Wilden", die traumtänzerisch-elegant unter Palmen tanzen, brav das Kreuz schlagen und keiner Küchenschabe etwas zuleide tun können. Was wirklich Vodou ausmacht, warum die ehemalige Sklavenreligion offensichtlich in der Lage gewesen ist, Jahrhunderte zu überleben und ihren Anhängern das Überleben zu ermöglichen, können wir auf dieser kurzen Reise natürlich nicht herausfinden und erleben. "Womöglich sind wir häßlich," heißt ein haitianisches Sprichwort, "aber wir sind immer noch da." Denn eines scheint deutlich zu sein: im Vodou steckt eine Spiritualität, die Energien hervorbringt, wo die Lebensumstände alle Energien verneinen.

"Vodou ist eine Lebensweise, in der Religion, Philosophie, soziale Beziehungen, Heilkunde, Psychologie, Gerechtigkeit, Ethik und Kunst enthalten sind," schreibt Elizabeth Mc Alister im Booklet der Ellipsis-CD "Angels in the mirror - Vodou Music of Haiti". Und Mimerose Beaubrun, Gründerin und Lead-Sängerin von Boukman Ekspyrians, die roots-music mit Rock verbindet, erklärt selbstbewußt: "Für uns ist alles Vodou. Nicht nur das Trommeln und Tanzen bei einem Ritual... Alles, was wir tun, hat auch eine spirituelle Ebene. Vodou bedeutet auch, meinen Geist mit Deinem Geist zu verbinden. All das ist Vodou - den ganzen Tag lang." Ausführlich kommentierte Feldaufnahmen wie das Album von Ellipsis Arts oder z.B. auch "Rhythms of Rapture - Sacred Musics of Haitian Vodou" von Smithsonian Folkway eröffnen wirkliche Einblicke in den Vodou, erlauben einen Blick hinter den Spiegel jenseits aller Klischees.

Port-au-Prince, die Schreckliche

Je näher wir der Hauptstadt kommen, desto asphaltierter wird die Straße; Dörfer, einige Reisplantagen, buntbemalte Friedhöfe machen Siedlungen Platz, die an Vorstädte erinnern. Immer mehr zerbeulte Autos, hupende TapTaps, röhrende Mofas und Lastwagen schieben sich kreuz und quer über die Straße, dazwischen laufen Menschen hin und her, Straßenhändler kommen an die Fenster und halten Zeitungen, Bananen, Ketten, Masken etc. in den Wagen, und mitten im Chaos steht ein Polizist mit weißen Handschuhen: einsam kämpft er mit seiner Trillerpfeife gegen das Chaos. Port-au-Prince liegt wie hingegossen in einer weiten Ebene, zu Füßen eines Bergmassivs und umspült vom blauen Meer - doch eine idyllische Athmosphäre herrscht in der gebeutelten Haupstadt Haitis auf keinen Fall.

Die Angaben über die Zahl seiner Einwohner schwanken: mal sind es 1 Million, mal 2 Millionen, mal nur 800.000. Offenkundig ist, daß keine Behörde Übersicht über die riesigen Slums haben dürfte, von denen "Cité Soleil" ("Sonnenstadt") nur der bekannteste ist. Eigentlich ist fast die ganze Stadt ein Slum - nur im relativ kleinen Stadtkern stehen einige koloniale Bauten, die in zarten Pastelltönen getünchte Kathedrale überragt die niedrigen Häuser, und in manchen Straßen sehen wir noch einige Exemplare der ehemals prachtvollen, kunstvoll verzierten Holzvillen. Eine ist das Hotel Oloffson, in dem Graham Greenes bitter-ironische Abrechnung mit der Diktatur, der Roman "Die Stunde der Komödianten" spielt.

Vor dem weißen Zuckerbäckerpalast, in dem die Regierung residiert, hat man ein kleines Denkmal für Père Aristide errichtet, den seit Jahrzehnten einzigen demokratisch gewählten Präsidenten, der Reformen für sein Land durchsetzten wollte. Der Ausgang der Geschichte ist bekannt: er wurde von den Militärs gestürzt, der Terror in den Straßen von Port-au-Prince rückte Haiti in die internationalen Schlagzeilen, die USA sahen sich veranlaßt, eine Blockade gegen das Land zu verhängen.

Nachdem auch das letzte Körnchen Reis verschwunden und der letzte Baum verfeuert war, hatte die haitianische Oberschicht sich eine goldenen Nase mit dem Schwarzmarkt verdient, das Embargo wurde aufgehoben und eine Übergangsregierung eingesetzt. Im Moment ist es ruhig in Port-au-Prince, will sagen: es gibt nicht mehr jede Nacht Schießereien, die Menschen werden nicht mehr einfach so nachts abgeholt, um in irgendwelchen Massengräbern zu verschwinden, die Märkte sind wieder voll mit allen nur denkbaren Waren - doch die Armut regiert wieder in Port-au-Prince. Im Herzen der Altstadt bietet sich dasselbe Bild wie in Cap Haitien: kaum kann man sich in den Straßen fortbewegen, so eng gedrängt stehen die Verkaufsstände, unter denen Menschen liegen, zwischen Bergen von stinkendem Abfall.

Hupende Mofas quetschen sich an den Autos vorbei, die nur im Schritttempo vorwärtskommen, alle zwei Meter dröhnen die Hits der haitianischen Bands aus quäkenden Lautsprechern, und ich kaufe einen Stapel schlecht kopierter Kassetten. Gleich auf der ersten finde ich einen Song, einen sanften Apell einer namenlosen Band an alle Haitianer, zusammenzuarbeiten, um das Land wieder auf die Füße zu bringen, die demokratischen Gesetze zu respektieren, nicht zu stehlen und sich nicht gegenseitig umzubringen...

Die Kassette begleitet mich bis zu dominikanischen Grenze.

Nach wenigen Stunden in der haitianischen Haupstadt wird klar, daß hier extreme Armut neben extremem Reichtum lebt und Konflikte vorprogrammiert sind. Die Wohlhabenden und Superreichen haben sich ihre Häuse und Villen rund 500 m den Berghang hoch gebaut. Offiziell ist ihr Stadtviertel Petionville eine selbständige Kommune, benannt nach dem Unabhängigkeitskämpfer Pétion. Tropische Gärten, ein Luxushotel, Restaurants, kleine Pensionen und Geschäfte sowie die eine oder andere Buchhandlung gibt es hier. Allerdings macht die Invasion der Armen auch vor Pétionville nicht halt: zwischen den Mauern der Villen leben unzählige Obdachlose, die sich jeden Abend gegen sieben Uhr mit Eimern und Behältern auf dem Kopf auf den Weg zu öffentlichen Brunnen machen, um das dringend benötigte Wasser zu holen.

Ein Wunder, daß unter solchen Bedingungen überhaupt noch Musik gemacht wird...und sogar 1995 nach langer Zeit des Ausnahmezustands das erste Musikfestival organisiert wurde (hervorragend dokumentiertim Live-Mitschnitt des Festivals "Bouyon Rasin", bei Tropical Music). Kein Zufall, daß es in erster Linie roots-Musiker /mizik raisin waren, die sich zwei Tage lang im Sylvio Cartor Stadion trafen: Bovano, ein haitianischer Bob Marley, der mit einem Papagei auf den Schultern durch die Gegend wandelt.

Twoup Mandoul mit Vodou-Jazz; Rasin Kanga, der Sänger Wawa - einer der Pioniere der raizin-Musik, er tritt seit 1958 nur begleitet von haitianischen Trommeln auf; Foula, eine von den vielen Bands, die nach dem Sturz des Diktators Baby Doc entstanden sind, mit einer einzigartigen Mischung aus Jazz und haitianischen Rhythmen; die 72jährige Sängerin Martha Jean-Claude, die lange Zeit in Kuba lebte und deren Tochter sich dort als Hotelmusikerin durchschlägt; die All-Star-Band Ram, bei deren Auftritt ein Wunder geschah: die Wolken über Port-au-Prince rissen auf und es begann zu regnen; Sanba-yo, eine von Veteranen der roots-music geführte Band, die eine Art zeremoniellen Vodou-Trance auf der Bühne praktizieren; Rara Vodoule - 30 Musiker mit Bambustrompeten, Blechtrompeten, Trommeln und Rasseln, also eine veritable Rara-Band, wie sie um Ostern über den Friedhof von Port-au-Prince zieht, und natürlich Boukman Eksperyans, die in einer polyphonen Beschwörung Legba anriefen, eine Gottheit des Vodou, die für den guten Ausgangs jedes Unternehmens zuständig ist.

Für viele Musiker bot das Festival seit Jahren die erste Möglichkeit überhaupt, wieder aufzutreten; viele kamen aus dem Exil nach Haiti, wie Jean Wyclef, einer der Stars des Festivals. Kaum eine Band, die während der Diktatur nicht mit Auftrittverboten belegt wurde, von anderen Dramen ganz abgesehen.

Roots-Musik, Rara, Vodou ist und war nie unpolitische Musik, selbst dann nicht, wenn sie im Rahmen von Zeremonien gespielt wird.

Denn die Botschaft ihrer Songs ist: Einheit durch Vodou. Black Power in Verbindung mit den afrohaitianischen Wurzeln.

Man kann sich ganz gut ausmalen, welche Sprengkraft eine Musik haben kann, die aus einer Volksreligion kommt, die Armut und Ausbeutung enunziert und noch dazu ihr Publikum aufruft, etwas dagegen zu tun. Der letzte Abend in Port-au-Prince. Von der Terasse des Luxushotels von Pétionville sehe ich auf die tiefschwarze Ebene, in der die traurige Hauptstadt liegt. Kaum ein Laut dringt aus den Slums nach oben, doch diese Stille wirkt einschüchternd.

Eine kleine Band steht neben der Bar und singt für die wenigen Touristen: Haiti, chérie, geliebtes Haiti. Ein Land, dem man dringend ein besseres Schicksal wünscht

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