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westART - Klassik am Sonntag
Juni 2002 im WDR Fernsehen
Musik in Russland
Das Landleben ist charakteristisch für Russlands unermessliche
Weiten. Es steht im Mittelpunkt von Simon Broughtons musikalischer Reise,
in der russische Volksweisen, Werke von Tschaikowsky, Mussorgski, Stravinsky,
Prokofiev sowie Schostakowitsch mit beeindruckenden Bildern und prägnanten
Aussagen von Zeitzeugen verknüpft werden.
Es spielt das Kirov-Orchester
unter seinem künstlerischen Leiter Valery Gergiev. "Die russische
Musik spiegelt das Wesen des Landes wider", sagt der russische Stardirigent. "Genauso wie das Land kann seine Musik großartig, gefährlich
und spektakulär sein - aber nie langweilig."
Russische Volksmusik und ihre Bedeutung
Viele russische Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts hatten
ein starkes Interesse an der Volksmusik, die daher zu einem wesentlichen
Charakteristikum des Nationalstils wurde. Michail Glinka (1804-1857),
Vater der russischen Kunstmusik, sagte einmal:
"Die Musik entsteht
im Volk. Wir Komponisten bringen sie nur in eine Form." Mit dem Hochzeitschor
in seiner im November 1836 uraufgeführten Oper "Das Leben für
den Zaren", die erste bedeutende russische Oper überhaupt, griff
er erstmals ein Folklore-Element auf. Auch in seine 1848 komponierte "Kamarinskaja"
floss Liedgut aus dem Volk ein.
Neben Mussorgski, Kjui, Rimski-Korsakow
und Borodin gehörte Mili Balakirew (1837-1910) zur "Gruppe der 5",
die eine Erneuerung der russischen Kunstmusik durch die Einbeziehung von
Folklore anstrebte. "Durch die Verwendung von Volksmusik bringen die
Komponisten die Schätze der Nationen zum Klingen", lautete Balakirews
Credo.
1860 reiste er die Wolga entlang und sammelte vor Ort Volksmusik.
Vom Einfluss des alten russischen Liedguts zeugt seine Tondichtung "Russ".
Wie Balakirew begannen sich mit der Aufhebung der Leibeigenschaft 1861
viele Künstler für Folklore zu interessieren. Maler, Schriftsteller
und Komponisten entdeckten die Landbevölkerung für sich.
In der Erde verwurzelt
Die Wurzeln der russischen Nationalmusik sind im bäuerlichen
Alltag zu finden. "Die russischen Komponisten fühlten sich zu
den einfachen Menschen hingezogen", so Valery Gergiev. "Das Dorf
war die Seele Russlands. Das Land hat uns auch geistig ernährt. Dort
sind die verschiedenen russischen Musikstile entstanden", meint der
Sänger und Musiker Sergej Starostin.
Das Dorf bildete eine eigene
Welt, eine Parallelwelt neben der Stadt, wobei auch St. Petersburg um
1900 noch ein halbes Dorf war. Bis ins 20. Jahrhundert hinein war Russland
eine bäuerliche Gesellschaft. Vor der russischen Revolution wurden
mehr als 80 Prozent der Bevölkerung auf dem Land geboren. Erst in
den nachfolgenden Jahrzehnten setzte allmählich eine Verstädterung
ein. Der dörfliche Alltag orientierte sich an den Jahreszeiten.
In
diesem Zusammenhang ist auch Igor Stravinskys 1913 uraufgeführter
"Sacre du Printemps" zu sehen. Das dörfliche Russland und die Naturgewalten,
denen die Menschen ausgesetzt waren, sind seine Themen.
In dem Maße, wie die stalinistische Kollektivierung das Dorf zerstörte,
gingen die geistigen Wurzeln auch in der Musik verloren. Doch trotz staatlich
verordneter Kulturpolitik überlebte die russische Folklore. Heute
befasst sich das Moskauer Pokrovsky-Ensemble nicht nur musizierend, sondern
auch wissenschaftlich mit der authentischen Volksmusik des Landes.
Valery Gergiev und das Mariinsky-Theater
Er gilt weltweit als einer der profiliertesten Dirigenten,
ein charismatischer Maestro, der nicht nur am Pult, sondern auch als Manager
Großes für sein Haus und sein Orchester geleistet hat. Seine
Verpflichtungen als Erster Gastdirigent der New Yorker Met und der Rotterdamer
Philharmoniker belegen sein internationales Renommee.
1953 als Sohn eines
kaukasischen Offiziers geboren, studierte Gergiev Klavier und Dirigieren
in Leningrad. Seine steile Karriere begann 1977 in Berlin bei Herbert
von Karajans Dirigentenwettbewerb. Gergiev war Chefdirigent des armenischen
Staatsorchesters und des Kirov-Kammerorchesters, bevor er 1995 die künstlerische
Leitung von Orchester, Oper und Ballett des Mariinsky-Theaters übernahm.
Dass das traditionsreiche Haus heute wieder in einem Atemzug mit der New
Yorker Met oder der Mailänder Scala genannt wird, ist ganz wesentlich
sein Verdienst.
Das 1860 gegründete Mariinsky-Theater gilt neben dem Moskauer Bolschoi-Theater
als die bedeutendste Bühne Russlands und zugleich als eines der schönsten
Opernhäuser der Welt. Benannt nach der Gattin des Zaren Alexander
II., Großfürstin Maria, zog es schon im 19. Jahrhundert berühmte
Tänzer und Sänger aus ganz Europa an. 1862 wurde hier Verdis
"Macht des Schicksals" uraufgeführt, eine Reihe von Opern großer
russischer Komponisten wie Borodins "Prinz Igor" oder Tschaikowskys "Pique
Dame" folgten.
Nachdem das Theater des Zaren im Zuge der Revolution von
1917 verstaatlicht worden war, blieb es zunächst namenlos. 1937 erhielt
es dann den Zusatz "Kirov" - zu Ehren des ermordeten KP-Führers Sergej
Mrionowitsch Kirov. Seit 1992 darf es wieder seinen ursprünglichen
Namen führen. Redaktion: Rudolf Heinemann
Links zum Thema
Homepage des Mariinsky-Theaters
www.mariinsky.ru/en/playbill
Russisches Musikarchiv - u.a. mit Werkverzeichnissen bedeutender russischer
Komponisten
www.russisches-musikarchiv.de/
Kleine Geschichte Russlands von den Anfängen bis heute - mit Literaturhinweisen
http://studyrussian.com/history/geschichte.html
CD-Einspielungen in Auswahl
Igor Stravinsky: Sacre du Printemps
Valery Gergiev, Kirov Orchester St. Petersburg
Philips
Große Musik aus Russland
Glinka, Borodin, Mussorgsky
Valery Gergiev, Kirov Orchester St. Petersburg
Philips
Vladimir Martynov: Night in Galicia
Streicher-Ensemble Opus Posth.
Leitung Tatiana Grindenko und das Folkensemble D. Pokrovsky
CCn'C Records 00802
Gesichter Russlands
Dmitri Pokrovsky Ensemble
Trikont
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