Schamanismus

Musik der Schamanen aus Sibirien

Der Schamanismus in der Welt des Nordens. "Ich benutze meine Trommel wie ein Fahrzeug... Sie ist das Pferd, das mich in eine andere Welt trägt. Dort, in meiner Trance, habe ich Visionen von freundlichen Menschen, hilfsbereiten Tieren und wundervollen Blumen." (Alexander Tavakay, Schamane der Tuwa, 1991 auf dem ersten Treffen von Schamanen in Sibirien nach dem Zweiten Weltkrieg).

Der Schamanismus ist die spirituelle Klammer für die Kulturen des Nordens, ist Ausdruck einer künstlerischen Sensibilität, in der der Mikrokosmos Mensch ein Gleichgewicht mit der unendlichen Weite der Natur zu beschreiben versucht. Die Nordvölker nennen sich auch die "Vierte Welt", für deren aktuelle kulturelle Identitätsbestimmung der Schamanismus von zentraler Bedeutung ist.

Auch wenn schamanistische Elemente in der ganzen Welt zu finden sind, so gilt Sibirien bis heute als die originäre Region der Schamanen. Schamanistische Praktiken lassen sich dort 5000 Jahre zurückverfolgen. In keinem anderen Kulturraum waren Zivilisation und Kunst so tief mit dem Schamanismus verwoben wie in Sibirien.

Es ist ein Kulturraum, in dem die Menschen nur im Dialog mit einer sehr extremen Natur überleben konnten, jenem Dialog, der im Schamanismus seinen symbolischen Ausdruck fand. 70 bis 100 Völker und Sprachen existieren auch heute noch in diesem ehemals von Nomaden und Halbnomaden besiedelten gigantischen Territorium, das fast 50 Jahre lang durch den Leninismus/Stalinismus und seine Folgen kulturell entwurzelt und verwüstet wurde.

Erst nach dem Zerfall der Sowjetunion konnten die mit dem Schamanismus verbundenen Traditionen wieder aufgenommen werden. Sie sind bedeutsam für die aktuelle kulturelle und künstlerische Entwicklung im asiatischen Rußland, vor allem in autonomen Republiken wie Tuwa und Jakutien (der heutigen Republik Sakha).

Dort erlebt der Schamanismus ein aufregendes Revival. Schamanismus ist orale Überlieferung schlechthin. Die Schamanen haben in ihren Gesängen und Epen das Wissen der Vergangenheit aktualisiert und in Erinnerung gebracht. Mittel ihrer Darstellung waren vor allem die Stimme und die Trommel, aber auch Saiteninstrumente, die Zither, Rasseln und die Maultrommel. Das historische Wissen verkörperten sie auf einer performativen Ebene, in komplexen Ritualen und Jenseitsreisen.

Die oralen Traditionen, auf denen der Schamanismus basiert, haben heute aber eine veränderte gesellschaftliche Basis. Denn der Kontext für eine schamanistische Praxis ist in den modernen Großstädten ein völlig anderer geworden.

So werden die Traditionen von jungen Menschen erforscht und neu praktiziert, exemplarisch in der Musik, in den Performing Arts, in der Therapie oder in der Anthropologie. Am Beispiel des Schamanismus wird exemplarisch deutlich, daß Traditionen nicht ungebrochen fortbestehen, sondern in dem jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Kontext immer neu bestimmt werden.

Die ungebrochenen Gesänge der Inuit stehen den modernen Interpretationen in den russischen Großstädten gegenüber. Ein zeitgenössisches Werk wie das von Nam June Paik wird konfrontiert mit einer ungebrochenen oralen Tradition in Südkorea.

Deswegen ist es auch notwendig, das Thema überregional zu betrachten. Forscher sprechen von dem sogenannten "Schamanistischen Gürtel", der sich von Skandinavien bis Südkorea erstreckt. In Finnland, der Mongolei, China oder Korea existieren unterschiedliche Formen des Schamanismus, die sich aber immer auf ähnliche oder vergleichbare Symbole und Erzählungen beziehen.

Entsprechend der historischen Bedingungen haben sich die Schamanen jedoch sehr unterschiedlich in den jeweiligen Gesellschaften behaupten können. So gehört in Südkorea das schamanistische Ritual auch heute zum alltäglichen Leben im Ahnenkult, bei Krankheit oder politischen Entscheidungen, während die Schamanen in Sibirien gesellschaftspolitisch isoliert sind.

Die zentrale Rolle der Stimme in Gesang und Sprechgesang verbindet die musikalischen Ausdrucksformen der arktischen und nordasiatischen nomadischen Kulturen. Eine weitere Gemeinsamkeit bildet der direkte Bezug dieser Vokalmusiken zu den spirituellen Traditionen dieser Völker, die auf Schamanismus und Animismus beruhen.

Die Lieder der Ainu und das Yoiken der Samen, beide auf pentatonischen Skalen aufbauend, die Epen der Jakuten und anderer sibirischer Völker; die faszinierenden Oberton- und Untertongesänge aus Tuwa, der Mongolei und aus dem Altai-Gebiet, die am Rande der Trance vorgetragenen Gesänge der Inuit: sie alle dienten ursprünglich rituellen Zwecken, zielten darauf, Kontakt mit den Geistern der anderen, unsichtbaren Welt aufzunehmen.

Wesentliche Elemente der verschiedenen Gesangsstile sind Imitationen von Tierlauten, auch die Rufe der Jäger und Geräusche zur Austreibung böser Geister. Respekt vor der Natur, Vertrautheit mit der Fauna, die Jahrtausende alte Erfahrung der Selbstbehauptung in einer übermächtigen und grausamen Umgebung sind bestimmende Momente dieser Kulturen und spiegeln sich in ihrer Musik.

Text von Johannes Odenthal, Haus der Kulturen der Welt und Matthias Osterwold, Freunde Guter Musik Berlin e.V. © Copyright

 

CD Beispiele:
Hulu Project feat. Stepanida "TranceSiberia" (CCn'C Records)

 

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