Weltmusik

Ausschnitt aus: Hinführung zur Problematik und Ursprung des heutigen Terminusgebrauchs von Weltmusik. Von Steffan Franzen.

In Jeans und schlichtem Baumwollpulli sitzt Oumou Sangare in der Garderobe und erzählt über die junge Demokratie in ihrem Heimatland Mali, über ihr Engagement für die Frauen in einer immer noch polygamen Gesellschaft, über ihre Aufgabe, als songbird, als „singender Vogel“, soziale Missstände des vielgesichtigen Landes zwischen Sahara und fruchtbarem Grüngürtel aufzudecken.

Sie ist dabei, ein Gleichgewicht zwischen Tradition und Moderne herzustellen: über Jahrhunderte alte Melodiemuster, gespielt auf teilweise rituellen Instrumenten, legt sie aufmüpfige und erotische Texte, die vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wären. So wichtig der Beitrag der 32jährigen Wassoulou-Frau für die Infragestellung gesellschaftlicher Konventionen auf dem schwarzen Kontinent ist, so wenig bilden dies gewöhnlich den Anreiz für uns Europäer, ihre Konzerte zu besuchen.

Wenn Oumou Sangare ihre westliche Kleidung gegen ein farbenprächtiges Gewand eintauscht und auf der Bühne zum Rhythmus der Kalebassen und Buschharfe ihre durchdringende Altstimme erhebt, dann ist das für uns ein exotisches Spektakel, das zuerst einmal die Augen anspricht.

Wie viele außereuropäische Musiker wird die Sängerin verständnislos den Kopf schütteln, wenn wir sie mit einem Begriff konfrontieren, der für uns im letzten Jahrzehnt Synonym für jedwede Popularmusik wurde, die spezifische Klänge von Ethnien einschließt. Für uns macht Oumou Sangare „Weltmusik".

Das Beispiel Sangare zeigt: wenn wir von „Weltmusik“ sprechen, dann tun wir dies aus einer eurozentrischen Perspektive. Im Juni 1987 einigten sich etwa ein Dutzend vor allem in London ansässiger, unabhängiger Plattenfirmen auf das Etikett „world music“, um die seit einigen Jahren verstärkter Nachfrage ausgesetzte Musik der bei ihnen unter Vertrag stehenden, vorrangig afrikanischen und lateinamerikanischen Künstler schlagwortartig für ein Publikum vermarkten zu können, welches bislang Mühe hatte, die Schallplatten in den Läden zu lokalisieren.

Dies wurde mit einer sich über Monate erstreckenden intensiven Öffentlichkeitsarbeit, die sich um das neu geschaffene Etikett zentrierte, in ganz England erreicht. Sie umfasste eine Bereitstellung von Orientierungshilfen jedweder Art für Käufer, Händler und Musikjournalisten in Form von Fertigung entsprechender Waren-Präsenter, Erstellung von Label- und Künstlerporträts sowie Werbekassetten und Airplay-Charts in Zusammenarbeit mit Printmedien und Funk.

Die Musik der zur Debatte stehenden Künstler war zwar nicht ausschließlich, aber dennoch größtenteils geprägt durch Kombination von Klängen der jeweiligen Herkunftsländer mit westlichem Instrumentarium und dem Produktionsstandard der Studios urbaner Zentren Europas und der USA.

Nur in Ausnahmefällen handelte es sich um ausgesprochen traditionelle Musik und ebenfalls selten stammte eine Aufnahme aus der Heimat des jeweiligen Künstlers.

Protagonisten dieser frühen Weltmusik waren beispielsweise der in Paris lebende Guineaner Mory Kante mit seinem Welthit Yeke Yeke, der die Musik der Griots Westafrikas und ihrer Kora-Harfe mit Funk und Pop verband, oder die jemenitische Jüdin Ofra Haza mit dem Album Yemenite Songs, auf dem mystische Liebeslyrik des 17. Jahrhunderts in Pop-Arrangements gebettet wurde.

Diese Produktionen können als ein Ausgangspunkt der heutigen Ausprägungen von Weltmusik gelten, die zunächst allgemein gefasst werden können als Ergebnisse von Kontakten anglo-amerikanischer Popularmusik mit traditioneller und populärer Musik der Völker, vorrangig außereuropäischer.

© Copyright: Steffan Franzen

 

Den kompletten Artikel finden Sie als pdf unter:
www.music-journal.com

 

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